Der große Zugraub

Projektmanagement früher und heute

 

Ronald biggs zugraub wantedWir schreiben das Jahr 1962. Bruce Reynolds, Antiquitätenhändler und kleiner Star der Londoner Unterwelt, hat seine Freunde eingeladen. Sie treffen sich an einem herbstlichen Donnerstag Abend im 1. Stock einer Londoner Bar. Ein verlässlicher Tipp hat ihn dazu veranlasst, diese Idee zu teilen: „Wir überfallen einen Zug“. Die Mitarbeiter seiner „Firma“ sind eine Gruppe von Kleinkriminellen und zuerst genervt, weil schon wieder die alten Geschichten aus dem Jahr 1944 kommen würden. Im Krieg hatte Reynolds Züge gewaltsam zum Stehen gebracht hat. Und das erzählte er auch gerne und oft. Doch schnell werden sie hellhörig. Nicht nüchtern, aber konzentriert genug um ihrem Boss zu lauschen. Er bringt genügend überzeugende Argumente, dass ein Zug mit abgegriffenen Banknoten, die zur Entwertung nach London gebracht werden, eine gute Beute bringen würde.

So soll die Idee zu einem Vorhaben geboren worden sein, welche nach einjähriger Planungszeit als „The Great Train Robbery“ (Der große Zugraub)  in die Geschicte einging. Die Bande erbeutete am 08. August 1962 exakt £ 2.631.684, nach heutigem Wert in etwa 48 Millionen Euro.

Das Projekt „Zugüberfall“ wurde sorgfältig geplant und minutiös vorbereitet. So konnten es sich die Räuber auch leisten, ohne Schusswaffen das überraschte Zugpersonal auszurauben. Übrigens: Um das Projekt zu finanzieren, wurde so nebenbei die Lohnkasse der Fluggesellschaft BOAC (British Overseas Airways Corporation heute British Airways) überfallen.

Beinahe alle Räuber wurden  innerhalb weniger Monate gefasst. Der Prozess war der bis dahin längste Prozess der britischen Justizgeschichte.

Es ist dennoch erstaunlich, mit welcher Genauigkeit der Überfall geplant und durchgeführt wurde. Wenn ich dieses Vorhaben mit den Planungen aktueller Projekte vergleiche, dann würde das Ergebnis verheerend ausfallen.

Nur zu oft wird heute auf saubere Planung bewusst verzichtet. Noch mal: BEWUSST! Durch geschickte Darstellung, Einsatz zusätzlicher Ressourcen und Geldmittel und ausgezeichneten rhetorischen Fähigkeiten ist der Projektleiter meist dennoch der gefeierte Held. Hat er das Projekt ja doch noch irgendwie hinbekommen.

In den 1960er und 70er Jahren gab es noch nicht mal die technischen Möglichkeiten von heute. Gleichzeitig müsste ein Projekt wie der Überfall nicht in einem Jahr, sondern in vier Monaten vorbereitet werden. Als zusätzliche Erschwernis würden dem Team Informationen vorenthalten, zusätzliche Aufgaben aufgebrummt und Änderungen am laufenden Band übermittelt.

Es gibt also genügend Hinweise darauf, dass „Das Ende des Projektmanagements“ angekommen ist.

 

Ihr Ronald Hanisch

 

Wen es noch interessiert:

Einer der bekanntesten der 12* Köpfigen Bande war Ronald Arthur „Ronnie“ Biggs. Der gelernte Zimmermann wurde 1964 zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Aus dem Gefängnis von Wandsworth ist er am 08. Juli 1965 über eine Strickleiter geflohen. In Paris besorgte er sich Papiere für eine neue Identität und ließ sich ein neues Gesicht machen, um nach Australien auszuwandern. 1974 ging es dann mitsamt seiner Familie nach Rio de Janeiro in Brasilien. Mit dem Verkauf von „Ronald Biggs“ Kaffeebecher und T-Shirts und mit Werbung für Alarmanlagen verdiente er spärlich sein Geld. Die Beute aus dem Überfall war längst verprasst.

Nach 35 Jahren auf der Flucht kehrte er 2001 aus gesundheitlichen Gründen nach England zurück und wurde, zu seinem großen Erstaunen, von Scottland-Yard-Beamten sofort verhaftet. Die brachten ihn in eine Zelle eines Hochsicherheitsgefängnisses. Da brach der mittlerweile 71 Jährige schließlich schluchzend zusammen.

Er verstarb am 18. Dezember 2013 in London, nachdem er 2009, zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag, begnadigt und entlassen wurde.

 

* Wie viele tatsächlich am Raub beteiligt waren, konnte nie vollständig geklärt werden.
Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ronald_Biggs
http://de.wikipedia.org/wiki/Bruce_Reynolds
http://de.wikipedia.org/wiki/Postzugraub

Die Inhalte sind an den Fernsehfilm „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ nach einem Roman von Henry Kolarz angelehnt.