Führung muss sein – aber anders

Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass sich Projekte nicht mehr so führen lassen wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Ich bin aber auch überzeugt, dass wir heute noch Führungskräfte brauchen. Wenn es nicht weiter geht, haben sie Entscheidungen zu treffen, hinter diesen zu stehen und sind dafür auch zur Rechenschaft zu ziehen. Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, zeigt sich sowieso erst im Nachhinein. Keine Entscheidung bedeutet oft Stillstand und damit den Verlust von möglichen Vorteilen.

Eine Führungskraft muss einem Projektteam den Rücken frei halten. Wenn Druck vom Kunden kommt oder vom Top-Management (das es trotz aller Rede von der neuen Freiheit von Hierarchien faktisch ja noch fast überall gibt) müssen Projektleiter ihr Team abschirmen. Die Führungskraft muss die Arbeitsfähigkeit des Teams aufrecht erhalten und den Weg zu Bestleistungen frei machen. Sie ist es auch, die als wichtiger Botschafter des Projekts nach innen und nach außen auftritt und damit Leistungen erst sichtbar macht.

Nach neuen Bildern der Führung suchen

Führung TeamProjektmanager brauchen neue Ansätze der Führung, die ihnen Agilität erlauben, aber zugleich auch Gelassenheit und Sicherheit bieten. Ich bin überzeugt, dass Digital Natives eine andere Art der Führung leben, weil sie anders groß geworden sind als die Generation der Baby Boomer und sogar anders als die Generation X.

Sie kennen das Bild des einsamen Kapitäns im Sturm nicht, auf dessen breiten Schultern die alleinige Verantwortung ruht. Sie spielen viel selbstverständlicher als Teil eines Höchstleistungsteams, teilen selbstverständlich Informationen, hören selbstverständlich die Meinungen und Anregungen jedes Team-Mitglieds.

Dennoch denke ich, dass diese junge Generation, genau wie die älteren Führungskräfte, an drei Punkten arbeiten kann.

Hellwach im Moment

Entscheidend ist die Fähigkeit, im Moment vollkommen präsent zu sein. Das Prinzip kenne ich aus der Führung von Projekten genau wie aus dem Profi-Ballsport, und das gleiche Prinzip gilt auch in der Jazz-Formation, beim Tanz und auf der Theaterbühne.

Nur wer hellwach ist, reagiert im entscheidenden Moment mit dem richtigen Impuls. Er sieht – im übertragenen Sinne – den Ball kommen und ahnt, welchen Weg er nehmen wird. Wer hellwach agiert, wird von Veränderungen zwar überrascht, kann aber sofort reagieren. (Umgekehrt: Wer nicht hellwach in der Realität agiert, sondern nur stur seinen Projektplan vor Augen hat, wird von Veränderungen überrumpelt und ist nicht so schnell handlungsfähig.)

Das wirklich Wichtige sehen

Entscheidend ist auch die Fähigkeit, sich immer wieder daran zu erinnern, was wirklich zählt im Leben. Dann erscheinen die ach so wichtigen Dinge plötzlich oberflächlich und sinnlos. Ich frage mich zum Beispiel oft: „Warum musste ich mich jetzt genau ärgern?“ Oder: „Mit was halte ich mich eigentlich gerade auf?“ Oder: „Wem schenke ich meine Zeit?“ Oder: „Ist diese Investition jetzt wirklich notwendig gewesen?“

Im Projektmanagement kommt es darauf an, immer wieder das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Vor allem heute, wo die Performance der eigenen und der Team-Leistung im immer hektischer rotierenden Projekte-Zirkus einen zunehmend großen Stellenwert einnimmt. Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir schnell: Auch in Höchstleistungsteams wird oft viel dramatisches Theater um wenig Wesentliches veranstaltet.

Mein Lebensmotto und mein Motto für erfolgreiches Projektmanagement heißt deshalb:

„Nur, wenn es leicht geht!“

Erfolgreich läuft ein Projekt nicht dann, wenn wir selbst und alle Teammitglieder so hart arbeiten, dass sie aus dem letzten Loch pfeifen. Sondern dann, wenn das Team schnell Hand in Hand arbeitet. Wenn die Ideen sprudeln, alle bei bester Laune sind und die Arbeit leicht von der Hand geht. Natürlich gibt es Tage, an denen man gemeinsam heranklotzt – das steht außer Frage. Aber das sollte die Gesamtstimmung nicht beeinträchtigen.

Wenn es leicht geht, fliegen einem die Dinge zu. Das heißt: Einen Projektauftrag den man nicht bekommt, darf man nicht mit aller Gewalt erzwingen – ein besserer Auftrag wird sicher kommen. Wenn ein Mitarbeiter sich entscheidet zu gehen, dann soll es so sein. So entsteht Platz für einen neuen. Ein Ziel, das sich ändert, darf man nicht mit aller Kraft festhalten. Besser ist es, das neue Ziel willkommen zu heißen. Es öffnet neue Perspektiven für alle.

Auf das Wesentliche fokussieren

Nehmen wir die Dinge doch etwas einfacher und gelassener. Zum richtigen Zeitpunkt arbeiten wir dann hart, um die Ziele zu erreichen. Und wenn das Ziel erreicht wurde, dann dürfen wir innehalten und den Erfolg genießen. Am besten im Team, denn jeder hat genau den Teil zum Erfolg beigetragen, der notwendig war.

Wenn wir das Wesentliche in den Blick nehmen, wenn wir uns mehr auf das konzentrieren, was uns ausmacht, wenn wir mit Freude an der Sache sind und Herausforderungen gemeinsam bewältigen, dann spüren wir, dass wir wirklich leben. Und dann stellt sich auch der Erfolg von alleine ein – auch wenn er heute oft anders aussieht, als wir zu Beginn gedacht haben.

 

Herzlichst, Ihr Ronald Hanisch

 

PS: Mehr dazu im Buch „Das Ende des Projektmanagements