Der Fluch der Unterstellung

Zum

Leiter des Ersatzteillagers einer großen Kfz-Reparatur-Werkstätte kommt alle zwei Wochen ein Vertreter vorbei um die geleerten Behälter aufzufüllen. Der freundliche Mann grüßt in gewohnter Weise und stellt die üblichen Fragen nach dem Stand der „Dinge“ im Geschäft, Familie und der Gesundheit.

Der Lagerleiter antwortete meist mit kurzem „Alles in Ordnung“ und hin und wieder mit „Alles bestens„. Da der Vertreter nie wirklich weiterfragte, machte der Lagerleiter eines Tages einen Test, da ihm die oberflächlichen Fragestellungen schon nervten. Diesmal antwortete er auf die zur Routine gewordenen Fragen folgendermaßen: „Das Geschäft geht dem Bach runter, meine Frau hat mich samt den Kindern verlassen und ich habe eine ansteckende Krankheit.“ Er machte dies ruhig und unaufdringlich.

Der Vertreter ging wie immer seinen Weg in den hinteren Teil des Lagers und antwortete ohne stehen zu bleiben: „Freut mich zu hören, dass alles so gut läuft und in Ordnung ist.“ Ganz offensichtlich hat er nicht zugehört und dem Leiter unterstellt, dass er wie üblich geantwortet hätte.

Nach

dem Umbau einer Montageanlage wurde dem Projektleiter des Lieferanten mitgeteilt, dass bestimmte Dokumente nachgereicht werden müssen. Im Mail war zu lesen: „Im MM wurde festgehalten, dass eine NVH EOL Messung durchgeführt werden soll. Im Rahmen des R&R wird im PPAP dieser Punkt als zentrales Entscheidungskriterium gewichtet.

Nun, für Technik-Ingenieure, oder ‚Technical-Engineers‘, wie es auf Neudeutsch heißt, sind die Bezeichnungen bekannt. Nicht diesem Projektleiter und seinen jungen Projekt-Teammitgliedern, welche die Sprache der Automotiv-Branche nicht kannten.

Menschen die schon lange in einem Bereich oder einer Branche arbeiten unterstellen oft, dass alle dieselbe Sprache sprechen. Viele denken gar nicht darüber nach, ob es eventuell zu Missverständnissen kommen könnte.

KommunikationEine

junge Österreicherin lernt einen Mann aus Deutschland kennen. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen und schreiben eifrig SMS und Mails. Die Informationen die sie austauschten wurden immer intimer und so wollte die hübsche Dunkelhaarige wissen, ob der athletische Deutsche einen ‚Waschbrettbauch‘, also einen ‚Six-Pack‘, habe. Mit dem Zusatz: „Damit ich was zum Angreifen habe„.

Minutenlang kam keine Antwort. Das Mädel wartete und wartete, doch es kam keine Antwort. Sie hakte immer wieder nach, wie es denn um seinen Body stehe, doch keine Antwort kam. „Was ist los?„, „Ist alles ok?„, schrieb sie nervös werdend. Dann endlich kam wieder eine Antwort: „Was willst du Angreifen? Mich?„. Sie wieder ganz erlöst: „Das könnte durchaus sein. ;)“

Es dauerte noch ein paar weitere Nachrichten, als sich das Dilemma auflöste. Ein ‚Kulturelles-Dilemma‘. Was in Österreich unter ‚Angreifen‘ verstanden wird, bedeutet in Deutschland ‚Anfassen‘. Sie wollte ihn nicht attackieren. Unwissend unterstellte sie, dass er das auch so verstehen müsse. Was in diesem Fall zu einem ‚Running-Gag‘ wurde, geht anderswo gründlich daneben. Wie oft fühlen sich Menschen Missverstanden, nur weil Wörter, Aussagen und Ausdrücke gebraucht werden, die bei anderen eine ganz andere Bedeutung haben.

Bei

den Recherchen nach bestimmten Dienstleistern fallen besonders Anbieter aus Deutschland auf. Und zwar wenn es darum geht, bei den Trainern, Coaches und Beratern anzurufen. In vielen Fällen fehlt die Landesvorwahl. Also +49 oder 0049. Auf Nachfrage ob die Leistungen auch außerhalb Deutschlands angeboten werden, erhält man eine Bestätigung dafür, hin und wieder erstauntes Nachfassen, wieso dies nicht der Fall sein sollte. Den meisten ist es gar nicht in den Sinn gekommen, die Landesvorwahl anzuführen, da es ja selbstverständlich sein sollte. Es wird einfach unterstellt, dass dies ‚allen‘ bekannt sein muss.

 

Abhilfe

gibt es, indem Sie sich in die Lage des Kunden bzw. der anderen Person versetzen. Im Fall der jungen Österreicherin muss Ihnen allerdings der Umstand der kulturellen Unterschiede bekannt sein. Dabei kann das Feedback von Außenstehenden behilflich sein.

 

Herzlichst, Ihr Ronald Hanisch