Digital Natives – Keine digitale Urhorde

Es kursieren offenbar recht stereotype Vorstellungen über die Generation der Digital Natives in den Unternehmen, die nicht zuletzt durch eine mediale Berichterstattung über diese Generation entstanden ist, bei der jeder von jedem abschreibt und das Klischee weiter auspinselt. Doch nicht jeder, der zufällig nach 1980 geboren wurde, sympathisiert automatisch mit der Piraten-Partei oder ist als schwer mit Kommunikationsgeräten bepackter Freak unterwegs. Nicht jeder, der schon als Kleinkind am Computer saß, muss deshalb als andersartig mystifiziert werden. Und natürlich gibt es auch innerhalb der jungen Generation viele unterschiedliche Lebenswelten, Milieus und Wertvorstellungen.

 

Was für Digital Immigrants  revolutionär erscheint, ist für die junge Generation normal

Vielleicht basieren Studien wie die von Egon Zehnder aber auch selbst auf Missverständnissen. So beobachtete Christoph Wurzer, der die Entstehung des Buchs „Das Ende des Projektmanagements“ als Projektmanager geleitet hat, dass einige Fragen zu spezifischen Umbrüchen innerhalb des Projektmanagements von der jüngeren Generation zwangsläufig missverstanden werden mussten, weil diese mit Projekten vor der digitalen Revolution überhaupt nicht in Berührung gekommen waren.

So werden die neue Vernetzung innerhalb der Unternehmen, neue Medien der Kommunikation und die neuen Freiheiten in Bezug auf die Wahl von Arbeitszeiten, Arbeitsorten und Formen der Zusammenarbeit von Digital Natives nicht als neu wahrgenommen, sondern vielmehr als  normal. Entsprechend kühl antworten sie mit „Nein, das ist mir nicht wichtig“ oder „Nein, mein Arbeitgeber nutzt hier keine neuen Methoden“, wenn sie nach diesbezüglichen Neuerungen gefragt werden. Aus der Perspektive der älteren Generation im gleichen Unternehmen indes scheinen alle diese Punkte neu, wenn nicht sogar revolutionär zu sein.

 

Arbeitgeber schrecken vor Digital Natives zurück

Nur ein Fünftel der Führungskräfte hat daher ein Faible für die Anstellung von Millenials. Zwei Drittel der Befragten heuern lieber ältere und erfahrene Arbeitnehmer an, wie der Personaldienstleister Adecco im Sommer 2012 in einer Umfrage unter 501 US-amerikanischen Personalern herausfand.

Wenn Personaler gefragt wurden, welche Persönlichkeitsmerkmale sie mit älteren Mitarbeitern verbinden, antworteten 91 Prozent Zuverlässigkeit und 88 Prozent Professionalität. An die gleichen Persönlichkeitsmerkmale dachten bei Millenials nur 2 Prozent (Zuverlässigkeit) und 5 Prozent (Professionalität). Umgekehrt unterstellten 74 Prozent der Personaler der jungen Generation Kreativität und 73 Prozent starke Networking-Fähigkeiten. Diese Merkmale assoziierten wiederum nur 17 Prozent (Kreativität) beziehungsweise 22 Prozent (Networking) der Personaler mit älteren Mitarbeitern.*

 

Postheroische Heldenkinder

Bei allen Unschärfen und Stereotypien, die durch Studien hervorgebracht und durch PR und Medien kolportiert werden, gibt es aber doch einige handfeste Befunde, die zeigen: Die junge Generation, die jetzt ihre Karrieren startet, ist wirklich anders als die Generationen vor ihr. Und zwar, weil sie von Eltern erzogen wurden, die in den 1950 und 1960er Jahren jung waren, die also den wirtschaftlichen Aufschwung und gesellschaftlichen Umbruch hautnah miterlebt haben. Die Methoden der antiautoritären Erziehung waren schon nicht mehr revolutionär, sondern zum Mainstream geworden, als die Generation Y in den 1980er Jahren die Bühne betrat. Der Vater war schon längst nicht mehr der kalte, strafende, die Familie allein ernährende Patriarch. Die Mutter durfte schon längst allein über ihr Vermögen und ihre Karriere entscheiden (wir vergessen oft, dass das nicht immer so war).

Heute stehen nicht mehr „Gehorsam und Unterordnung, sondern Selbständigkeit und freier Wille“ im Mittelpunkt der Erziehung. Moderne Kinder werden nicht mehr nur für ihre Leistungen anerkannt, sondern für ihre pure Existenz („nicht mehr für etwas (…), sondern als etwas“). Sie werden nicht mehr autoritär gedrillt, sondern dürfen (wenn nicht sogar: sollen) sich frei entfalten. Die Grenzen zwischen den Generationen werden nicht mehr deutlich gezogen und markiert, vielmehr darf (soll) der Nachwuchs bei vielen Fragen partizipieren und mit diskutieren.

 

Herzlichst, Ihr Ronald Hanisch

 

 

*Infos zur Studie: Adecco Staffing Mature Worker Survey; Aus dem Buch "Das Ende des Projektmanagements"